Wood Mackenzie: Orbitale Rechenzentren bleiben vorerst deutlich teurer als terrestrische Anlagen


Der Aufbau von Rechenzentren im Weltraum könnte langfristig eine Alternative zu den wachsenden Kapazitätsengpässen auf der Erde darstellen. Nach Einschätzung des Marktforschungsunternehmens Wood Mackenzie stehen wirtschaftliche Hürden einer breiten Umsetzung derzeit jedoch noch entgegen. Einer aktuellen Analyse zufolge verursachen orbitale Rechenzentren gegenwärtig mehr als die dreifachen Kosten vergleichbarer terrestrischer Anlagen.

KI treibt den weltweiten Strombedarf von Rechenzentren

Orbitale Rechenzentrumsplattform mit Servermodulen und Solarpaneelen im Erdorbit als Illustration für zukünftige KI-Infrastruktur.
Orbitale Rechenzentren gelten als mögliche Ergänzung terrestrischer Infrastruktur. Laut Wood Mackenzie sind sie derzeit jedoch noch mehr als dreimal so teuer wie vergleichbare Anlagen auf der Erde. Quelle: KI generiert

Ausgangspunkt der Untersuchung ist der steigende Rechenleistungsbedarf durch Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Nach Angaben von Wood Mackenzie könnten künftige KI-Agenten je Aufgabe zwischen 10.000- und 40.000-mal mehr Rechenleistung benötigen als heutige Chatbots.

Der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren beläuft sich demnach im Jahr 2026 auf rund 460 TWh. Dies entspreche etwa der Hälfte der gesamten Stromerzeugung Japans. Bis 2030 erwartet Wood Mackenzie einen Anstieg auf 1.280 TWh. Für das Jahr 2040 prognostiziert das Unternehmen einen Verbrauch von rund 3.700 TWh. Gegenüber dem heutigen Niveau würde dies einem Wachstum von mehr als 700 Prozent entsprechen.

Nach Einschätzung der Analysten entfallen rund 78 Prozent der weltweit geplanten Rechenzentrumskapazitäten auf die USA und China.

Ausbau terrestrischer Infrastruktur stößt auf Engpässe

Gleichzeitig werde der Ausbau klassischer Rechenzentren zunehmend durch infrastrukturelle Einschränkungen erschwert. Laut Wood Mackenzie können Netzanschlüsse in den USA teilweise erst nach bis zu sieben Jahren bereitgestellt werden. Hinzu kämen lange Lieferzeiten für Gasturbinen, begrenzte Wasserressourcen für Kühlsysteme in trockenen Regionen sowie steigende Baukosten infolge höherer Material- und Personalkosten.

Vor diesem Hintergrund untersuchten mehrere große Technologieunternehmen alternative Konzepte, zu denen auch orbitale Rechenzentren gehörten.

Orbitale Rechenzentren verursachen derzeit mehr als dreifache Kosten

Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen beiden Ansätzen seien allerdings weiterhin erheblich. Nach Berechnungen von Wood Mackenzie würde ein hypothetisches orbitales Rechenzentrum mit einer Leistung von 1 GW Investitionen von rund 170 Milliarden US-Dollar erfordern. Damit lägen die Gesamtkosten bei mehr als dem Dreifachen einer vergleichbaren Anlage auf der Erde.

Etwa 60 Prozent der Investitionskosten entfielen dabei auf Raketenstarts sowie die Satelliteninfrastruktur. Nach Einschätzung der Analysten müssten die Startkosten um rund 70 Prozent sinken, damit orbitale Rechenzentren wirtschaftlich mit terrestrischen Standorten konkurrieren könnten.

Sinkende Startkosten verbessern die Perspektiven

Dennoch verweisen die Autoren der Studie auf eine anhaltend positive Entwicklung der Raumfahrtindustrie. Im Jahr 2025 wurden weltweit 324 Orbitalstarts registriert. Dies entspricht einem Anstieg von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 70 Prozent aller Starts wurden von kommerziellen Anbietern durchgeführt.

Gleichzeitig seien die Startkosten durch wiederverwendbare Trägersysteme im Vergleich zu früheren Raketengenerationen bereits um rund 90 Prozent gesunken. Zudem wurden 2025 mit 4.517 Satelliten so viele Objekte wie nie zuvor in den Orbit gebracht. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Zuwachs von 58 Prozent. Der überwiegende Teil der Satelliten befindet sich inzwischen im Besitz privater Unternehmen.

USA dominieren die Entwicklung orbitaler Rechenzentren

Die angekündigten Ausbaupläne konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf US-Unternehmen. SpaceX und xAI hätten angekündigt, künftig jährlich orbitale Rechenkapazitäten von insgesamt 100 GW aufzubauen. Dieses Volumen übersteige die gesamte bislang angekündigte Pipeline aller übrigen Entwickler orbitaler Rechenzentren um ein Vielfaches.

Unternehmen außerhalb der USA verfügen nach Angaben von Wood Mackenzie derzeit über weniger als 0,5 GW geplanter orbitaler Rechenleistung. Erste verstärkte Startaktivitäten der führenden Anbieter werden zwischen 2027 und 2028 erwartet.

Terrestrische Rechenzentren bleiben Investitionsschwerpunkt

Unabhängig von den langfristigen Perspektiven orbitaler Infrastrukturen fließen die Investitionen weiterhin überwiegend in klassische Rechenzentren.

Wood Mackenzie verweist unter anderem auf eine Vereinbarung, wonach Anthropic innerhalb von drei Jahren rund 45 Milliarden US-Dollar für die Nutzung des 300-MW-Rechenzentrums Colossus 1 von SpaceX bereitstellen wolle. Die Anlage soll mit rund 220.000 Nvidia-GPUs ausgestattet sein.

Insgesamt prognostiziert das Beratungsunternehmen für den Zeitraum von 2026 bis 2040 Investitionen von rund 9 Billionen US-Dollar in den Bau neuer terrestrischer Rechenzentren. Dadurch könnten weltweit zusätzliche Kapazitäten von etwa 395 GW entstehen.

Robert Liew, Research Director bei Wood Mackenzie, erklärte, die Herausforderungen beim Ausbau terrestrischer Rechenzentren seien real und würden kurzfristig nicht verschwinden. Gleichzeitig koste ein Rechenzentrum im Orbit derzeit jedoch mindestens das Dreifache einer vergleichbaren Anlage auf der Erde. Die prognostizierten Investitionen von 9 Billionen US-Dollar würden daher zunächst weiterhin in terrestrische Infrastruktur fließen. Orbitale Rechenzentren seien zwar eine ernstzunehmende langfristige Option, ihre wirtschaftliche Realisierung hänge jedoch entscheidend von weiteren deutlichen Kostensenkungen bei Raketenstarts ab.

Orbitales Computing bleibt vorerst Zukunftstechnologie

Wood Mackenzie berücksichtigt großflächige orbitale Rechenzentren derzeit noch nicht im eigenen Basisszenario für die weltweite Energiewende. Nach Einschätzung der Analysten werde der Ausbau terrestrischer Rechenzentren in den kommenden Jahren weiterhin alternativlos bleiben, während orbitale Anlagen vorerst eine langfristige technologische Perspektive darstellen.