Der US-amerikanische Anbieter Starcloud hat nach eigenen Angaben erstmals ein KI-Modell direkt im Orbit ausgeführt und trainiert. Wie CNBC berichtet, hat das Unternehmen, das zum Nvidia-Inception-Programm gehört, startete Anfang November 2025 einen Satelliten mit einer Nvidia-H100-GPU – laut Starcloud rund hundertmal leistungsfähiger als jede bislang im Weltraum eingesetzte Recheneinheit. Die Mission gilt als Hinweis darauf, dass orbital organisierte Rechenzentren künftig eine Alternative zu erdgebundenen Infrastrukturen darstellen könnten.
Hochleistungs-GPU im Orbit
Die Plattform Starcloud-1 führt seit dem Start Inferenzprozesse mit Gemma, einem offenen KI-Modell von Google, durch. Es ist das erste Mal, dass ein großes Sprachmodell dieser Art auf einer leistungsstarken GPU im All betrieben wird. Laut dem Unternehmen antwortet das Modell wie in einer herkömmlichen Serverumgebung: Anfragen würden verarbeitet und Ergebnisse in Echtzeit zurückgesendet.
In einer der ersten Ausgaben wurde ein augenzwinkernder Begrüßungstext veröffentlicht, in dem das Modell die Erde aus orbitaler Perspektive kommentiert. Google-DeepMind-Produktdirektor Tris Warkentin sprach in diesem Zusammenhang von einem Beleg für die Flexibilität und Robustheit offener Modelle.
Technische Zielsetzung: Rechenzentren im Weltraum
Starcloud verfolgt das Ziel, Weltraumumgebungen als Betriebsort für Rechenzentren zu etablieren. Das Unternehmen verweist auf die wachsenden Probleme erdgebundener Infrastrukturen, die zunehmend unter Energieengpässen, hohem Wasserverbrauch und steigenden CO₂-Emissionen leiden. Laut internationalen Energieanalysen könnte der weltweite Energiebedarf von Rechenzentren bis zum Jahr 2030 deutlich steigen.
Der Unternehmensgründer Philip Johnston erklärte, die Energieaufwendungen im Orbit seien um den Faktor zehn geringer als auf der Erde. Künftig könnten im Weltraum sämtliche Anwendungen realisiert werden, die heute in klassischen Rechenzentren laufen. Der Betrieb von Gemma auf Starcloud-1 diene als technischer Nachweis dafür, dass komplexe Modelle im All verlässlich arbeiten.
Zusätzlich wurde NanoGPT – ein Modell nach einem Konzept von Andrej Karpathy – mit dem Gesamtwerk Shakespeares trainiert. Die Resultate entsprachen einem Sprachstil der frühen Neuzeit.
Pläne für ein orbitales 5-Gigawatt-Rechenzentrum
In einem technischen Papier beschreibt Starcloud ein orbitales Rechenzentrum mit rund 5 GW installierter Leistung, gespeist durch großflächige Solarpaneele und ergänzt durch Kühlsysteme. Die geplante Struktur soll etwa vier Kilometer Kantenlänge erreichen und nach Angaben des Unternehmens mehr Energie erzeugen als das größte Kraftwerk in den USA. Gegenüber einem terrestrischen Solarpark gleicher Größe sei ein orbitales System kompakter und wirtschaftlicher zu realisieren.
Die Anlagen sollen kontinuierlich Solarenergie nutzen, ohne durch Wolken, Jahreszeiten oder Tag-Nacht-Zyklen eingeschränkt zu sein. Die vorgesehene Lebensdauer der Satelliten wird mit etwa fünf Jahren angegeben – entsprechend der erwarteten Nutzungsdauer der verbauten Nvidia-Chips.
Anwendungsfälle: Von Erdbeobachtung bis militärischer Nutzung
Die orbitalen Systeme sollen Echtzeitanalysen ermöglichen. Laut Starcloud kann die Plattform unter anderem thermische Signaturen identifizieren, etwa zu dem Zeitpunkt, an dem ein Waldbrand entsteht. Auch die Positionsdaten des Satelliten lassen sich unmittelbar abfragen. Nach Angaben des Unternehmens ermöglicht die Kopplung der Sensorik mit dem KI-Modell neuartige Interaktionsformen, beispielsweise die Beschreibung des eigenen Flugzustands aus Sicht des Satelliten.
Bereits jetzt arbeitet Starcloud nach eigener Darstellung mit Bildmaterial des Erdbeobachtungsunternehmens Capella Space. Dabei geht es etwa um die Lokalisierung von Rettungsinseln auf dem Meer oder das Aufspüren von Feuerereignissen. Für 2026 ist ein weiterer Start geplant – mit mehreren H100-Chips sowie Nvidia-Blackwell-Hardware. Außerdem soll ein Modul des Infrastrukturunternehmens Crusoe integriert werden, über das Kunden eigene Workloads ausführen können.
Risiken und Konkurrenzaktivitäten
Die Entwicklung orbitaler Rechenzentren ist nicht frei von Risiken. Finanzanalysten verweisen auf kosmische Strahlung, hohen Wartungsaufwand, steigende Mengen an Weltraumschrott und regulatorische Fragen rund um Datensouveränität und Verkehrskoordination im All. Trotz dieser Herausforderungen investieren zahlreiche Technologieunternehmen in entsprechende Pilotprojekte.
Zu den weiteren Initiativen zählen Googles Projekt Suncatcher, das den Einsatz von Solar-Satelliten mit Tensor-Processing-Units erprobt, eine Mond-Dateneinheit von Lonestar Data Holdings sowie eine weitere Orbitalmission von Aetherflux für Anfang 2027. Auch Überlegungen zur Integration von Raketenherstellern in bestehende Konzernstrukturen – beispielsweise im Umfeld von OpenAI – zeigen die strategische Bedeutung des Themas.
Dion Harris, zuständig für KI-Infrastruktur bei Nvidia, wertete den Start von Starcloud-1 als wichtigen Schritt hin zu einer zukünftigen, dauerhaft solargestützten Rechenzentrumsarchitektur im Weltraum.





